Roger

Es regnet. Wie aus Eimern. Seit Tagen ist das Wetter relativ beschissen. Alles grau, trüb und irgendwie so gar nicht einladend. Vielleicht kam er mir gerade deshalb so eigenartig vor.

„Ich mag deinen Bart. Steht dir! Zu meiner Zeit wären dir die Frauen alleine dafür schon hinterhergelaufen. Wie ist das heute?“, sagt er und grinst. Ein Grinsen, passend zu strahlend blauem Himmel bei 30 Grad.

Eine ungewöhnliche Art Hallo zu sagen –  denke ich mir. Ein Kompliment nimmt man ja immer gern mit. Gerade an so einem Tag. „Danke“, sage ich und setzte mich zu ihm an die Haltestelle.

„Was ein beschissenes Wetter – aber immer noch besser als in North Dakota. Bis Mai konntest du nicht durch die Vordertür! Wenn du raus wolltest – und das wolltest du eigentlich nie, bei dem ganzen Schnee – dann nur über die Hintertür, das sag ich dir!“

Er schaut einen Moment hoch zum Himmel, verliert kurz sein Lächeln – aber nur um kurz tief durchzuatmen und mich dann gespannt zu fragen:

„Aber ist es nicht trotzdem herrlich?“

Ich schaue ihn an. Dieses Lächeln. Nicht nur sein Mund – seine Augen, sein kompletter Körper scheint förmlich zu lächeln, zu strahlen.

Eine Antwort habe ich nicht direkt parat.
Nun ja. Es ist kalt, es regnet, so wirklich „herrlich“ sieht für mich schon anders aus. Aber man kann ja aus allem etwas Positives ziehen:

„Naja, ist ja bloss das Wetter. Und das ändert sich ja auch wieder. Wir leben ja noch – also ist wohl alles nur halb so wild.

Überrascht sehe ich, wie das Lächeln verschwindet. Wieder nur für einen Moment. Er atmet durch, seine Augen leicht wässrig. Doch dann holt er ein Lächeln hervor, dass ich so noch nie gesehen habe. „Entwaffnend“ trifft es nicht annähernd genug, um es zu beschreiben.

„Ach du. Das sagst du so einfach! Ich komme gerade vom Doc“, sagt er und hält mir einige Dokumente hin – als hätte ich nur darauf gewartet. Als seien wir alte Bekannte. „…  Aids. So ein Scheiß, das kannst du mir glauben!“
„Das zweite Aneurysma haben sie noch gerade eben rausbekommen. Aber ich sag dir, der Scheiß ist hartnäckig, kommt immer wieder!“

Dann seufzt er kurz, steckt die Dokumente weg, wischt sich eine Träne aus den Augen und holt sein Lächeln wieder hervor. „Dieses Mal wird’s nicht reichen. Aber naja, 2 Monate hab ich immerhin noch.

Perplex sitze ich da. Er, dieser Unbekannte. Ich, dieser Idiot, der in das fieseste aller Fettnäpfchen tritt. Wie antwortet man auf eine solche Aussage? Mir fiel nichts besseres ein.

„Das tut mir Leid“, antworte ich ihm. Schau ihn an, fang an zu lächeln und umarme ihn – warum auch immer. Es fühlte sich danach an & er scheint damit gerechnet zu haben.
„Nimm es mir nicht übel, aber du siehst glücklich aus. So, als seist du voller Freude. Wenn man uns sieht, könnte man denken, dir geht es deutlich besser als mir.“

Er grinst: „Das bin ich! Voll und ganz. Wieso denn auch nicht?

Nun ja. „Wie wäre es, wegen der Krankheit?“ denke ich mir kurz. Aber dann frage ich ihn doch:

„Wie machst du das? Was macht dich glücklich? Macht es dir denn nichts aus?“

Nun fängt er regelrecht an zu lachen, kindlich, euphorisch. Ich bin mir kurz unsicher, ob er mich verstanden hat – oder überhaupt ernst nimmt. Letztlich höre ich einfach weiter zu.

„Um ganz ehrlich zu sein: Ich bin das erste Mal in meinem Leben so richtig glücklich. Irgendwie fühlt es sich an, als hätte ich all das gebraucht, um für einen letzten Moment wirklich glücklich zu sein. Klingt verrückt, was der unbekannte Alte da sagt, was?“

Nun steigen mir 1, 2 Tränen in die Augen, während er fortfährt:

„63 Jahre hat es gedauert. Plus den Tod meiner Frau – und eben diese Krankheit. Aber jetzt bin ich glücklich. Verrückt.“

Das kann er nur ironisch meinen. Oder wenigstens rhetorisch. Oder meint er das nun wirklich ernst? Unsicher schaue ich ihn an – ohne wirklich zu wissen, was ich hier eigentlich tue.

„Wie alt bist du?“, fragt er mich und lehnt sich – entspannt, so scheint es – zurück in die Lehne seines Sitzes.

„23.“

„Dann kommst du mir gerade richtig. Du und dein Lächeln.“ Sein Grinsen wird wieder breiter, bevor er fortfährt.

„Dann kannst du ja noch was anfangen, mit dem, was ich dir hier erzähle: Lass den Scheiß! Ich sag’s dir. Egal was es ist. Hör auf, deine Zeit mit unwichtigen Dingen und Menschen zu verbringen. Und noch was: Lass dein Ego zu haus. Ich wollte immer der beste Architekt sein – hab gearbeitet, Tag ein, Tag aus – nur um ein angesehener Typ zu sein. Das ich meine Frau dabei vermisst und endlos geliebt habe, habe ich erst erkannt, als es zu spät war. So spielt das Leben!

Er seufzt kurz. „Und was glücklich sein bedeute, so scheint es, auch. Zumindest fast.“

„Mir bleibt nicht mehr, als mit meiner letzten Kraft durch die Straßen zu ziehen. Leute kennenzulernen und Ihnen davon zu erzählen, wie einfach es ist, glücklich zu sein. Ein Kompliment, ein Gespräch, zwei einfache und doch so wundervolle Menschen. So einfach ist es. Oder kann es zumindest sein.

So sitze ich da. Verloren in diesem Moment. Keine Ahnung, was mit mir passiert. Warum erzählt er mir das? Wer ist er überhaupt? All das will ich ihn fragen – so wirklich traue ich mich aber dann doch nicht. Er scheint das zu merken.

„Mach dir keine Gedanken. Es ist egal, wer ich bin – es ist unwichtig. Was ich dir über das Leben sagen kann, das ist wichtig! Ich sag dir: Leb es! Genieß es! Nur dann macht es Spaß.“

Er reicht mir die Hand und meint „Du, dein Zug kommt. Und viel mehr kann ich dir sowieso nicht mitgeben.“ Dabei zwinkert er mir zu & packt ein letztes Mal dieses Lächeln aus. Ich sehe es als Abschiedsgeschenk.

So verabschiede ich mich, steig in die Bahn ein, fahre los.
Am Rande der Scheibe sehe ich noch, wie er den nächsten Unbekannten anspricht.
Ein Moment dauert es – dann lächeln beide.