Jamaica, NY

Die letzten Momente meiner begrenzten Zeit – im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. New York, mein kurzfristiges Zuhause nach 3 Monaten und 6000 Kilometern durch die USA.

Mit Ach und Krach passt alles in den Rucksack. Ich bin spät dran, keine Zeit für große Verabschiedungen oder traurige Gedanken. Ein letzter Blick auf die Skyline, ein leichtes Seufzen und ab zur Bahn.

Linie J, von Downtown Manhattan, quer durch Brooklyn. Endstation: Jamaica, Queens, NY.
30 Minuten zwischen mir und JFK. 3 Stunden bis zum Abflug nach Paris. Keine 24 bis Berlin, bis Zuhause, bis zum altbekannten.

Der Zug ist voll. Es ist laut und doch ist jeder für sich, auf dieser Fahrt, hinaus aus diesem Ort der erfüllten Träume. Hin zu dem, an dem man sie viel eher verliert, begräbt und versucht, sie zu vergessen.
Alles was vom Glanz der Metropole bleibt, sind Erinnerungen und eine Miniaturversion am entfernten Horizont.

Die Tür geht auf. Ein Pärchen steigt ein. Er mit Akkordeon, sie mit schreiendem Baby auf dem Arm. Die Blicke scheinen eine Geschichte voller Leid, Verzweiflung und enttäuschter Hoffnungen erzählen zu wollen.

Niemand scheint sie zu beachten. Die, die es tun, wissen, was nun kommt und schauen vorsichtshalber weg.
Ein letzter Kuss, bevor er sein Lächeln aufsetzt und anfängt zu spielen. Sie versucht zu tanzen, nur das mit dem Lächeln scheint nicht zu funktionieren.

Nach einigen weiteren Momenten zückt sie einen Becher und bahnt sich ihren Weg von Passagier zu Passagier. Er ist leer. Und bleibt es.  Genervt schaut jeder vor sich hin, aus dem Fenster oder zum Boden. Alle, bis auf einen.

Ganz am Ende des Waggons sitzt er. Augenscheinlich obdachlos. Jedes Kleidungsstück zerrissen und alt. Alles was er noch besitzt, scheint er bei sich zu tragen: ein unbezahlbares Lächeln und einige Münzen in der Tasche. Nach und nach holt er sie hervor, sammelt sie lachend in seiner Hand und streckt sie ihr hin.

Sie kann es nicht glauben. Lehnt ab. Beginnt leise zu schluchzen.

So einfach lässt er aber nicht locker. Er nimmt langsam ihre Hand, öffnet sie sanft, blickt tief in ihre traurigen Augen und überreicht ihr das Geld. Wortlos. Aber doch mit soviel Ausdruck.

Die Musik endet. Ihr Mann durchquert den Wagen, sprachlos und verdutzt. Auch er weiss mit der Situation nicht umzugehen. Sein aufgesetztes Lächeln tauscht er nun aus, gegen ein echtes, voller Hoffnung, voller Zuversicht. Er geht leicht in die Hocke, beide seiner Hände umgreifen die des Obdachlosen.

„Thank you. Thank you so very much“ – beantwortet mit einem weiteren Lächeln. Und einem leichten Nicken, kurz bevor der Zug hält.

Wieder schaut sich das Pärchen an. Die Verzweiflung ist gewichen. Hoffnung scheint nun aus beiden zu strahlen. Selbst das Kind hat aufgehört zu weinen und beginnt fröhlich zu kichern. Ein letzter Blick zurück, auf diesen unbekannten Helden ihres Tages, auf diesen so kleinen aber bedeutenden Moment an diesem trüben, normalen Tag. Ein letztes lächelndes Nicken, bevor sie den Zug verlassen und sich die Türe schliesst.

Der Zug rollt weiter. Noch immer ist er voll. Doch es ist still.
Bis ein Mann beginnt zu lachen.
Ein unbezahlbares Lächeln.