Die goldene Mitte

Gut, schlecht, fantastisch, enttäuschend, außergewöhnlich, miserabel.
Es scheint mir, als sei besonders das öffentliche Leben mittlerweile von Extremen durchtrieben.
Extreme erregen Aufmerksamkeit, sie fallen „aus der Reihe“. So auch zum Beispiel der Minimalismus.

In extremen Formen versuchen einige, mich zeitweise anfangs eingeschlossen, krampfhaft Dinge loszuwerden – mit der Hoffnung auf einen freien Kopf und ein bisschen mehr Leben. Der Ansatz, der Gedanke dahinter, ist in meinen Augen mehr als lobens- und bewundernswert. Der Gedanke nach Wachstum, Entwicklung, tiefgründiger Zufriedenheit und Glück.

Über die Ausführung war ich mir lange Zeit unklar.

Ich habe viele Leute kennengelernt, die extreme Situationen erlebt oder etwa extreme Lebensstil gelebt haben. Einige davon leben mittlerweile wie vor diesen Momenten, wie vor dieser Veränderung. Augenscheinlich das selbe Leben – doch ist es das wirklich?

Ich könnte zurückkehren zu meinem vorherigen Leben. Ich könnte einige Dinge mehr besitzen und auch andere Dinge wieder verändern – und mich dabei wohlfühlen. Ich könnte genau das gleiche Leben wie zuvor führen. Zumindest äußerlich.

Um ehrlich zu sein: Ich persönlich glaube nicht, dass wir jemals in einen gleichen Zustand zurückkehren – egal worum es letztlich geht. Wir finden uns vielleicht in der gleichen Position wieder, aber garantiert auf einem „höheren Level“.
Ja, ich könnte wieder viele Dinge besitzen – und nein, ich bin dabei nicht in der Lage, so zu tun, als könnte ich nicht ohne eben diese leben.

Auch wenn sich von außen nichts verändert hat, so sind es die Erfahrungen und Erkenntnisse im Inneren, die die Situation so entscheidend verändern.

Ich persönlich kann mir sehr gut vorstellen, wieder ein anderes Leben zu führen.
So interessant und bereichernd mein momentaner Lebensstil auch ist – so sehr interessieren mich neue Perspektiven und Möglichkeiten. Wieso sollte ich mich dagegen entscheiden? Aus (falschem) Stolz oder um mir (oder gar anderen) etwas zu beweisen?

Der Minimalismus wird früher oder später aus meinem Fokus verschwinden. Die wichtigsten, prägnantesten und positivsten Eindrücke und Erkenntnisse jedoch werden bleiben.

So kann es passieren, dass ich prinzipiell wieder dort stehe, wo meine Veränderung begonnen hat.
Hier, in Berlin, in einer etwas chaotischen Wohnung mit einer Vielzahl an Dingen.
Um abermals ganz offen und ehrlich zu sein: Ich hatte lange Angst vor diesem Gedanken. Ich hatte Angst vor diesem augenscheinlichen Rückschritt.

Doch nun bin ich mir sicher, dass ich nie wieder einen Schritt zurück machen werde.
Ich werde unter keinen Umständen in diese Lage zurückversetzt werden.
Und dessen bin ich mir 100% sicher und bewusst.

Vielleicht drehe ich mich um 180 Grad, vielleicht um 360 – aber ich tue dies stets mit einem Schritt nach vorne. Wieso?
Weil ich Erfahrungen mache, Erkenntnisse sammle. Weil ich lerne, mich und mein Leben zu definieren und es auszureizen.

Ich mag mich im Kreis gedreht haben, doch diese Umdrehung hat mir alle Facetten des Lebens gezeigt in diesem Bereich. Ich bin wieder am Anfangspunkt, doch habe ich den Rest bereits gesehen. Ich bin an meiner goldenen Mitte angelangt, meinem Punkt zwischen den Extremen. Ich befinde mich in einer gewissen Situation, einer gewissen Lage – nicht weil ich nicht anders kann oder muss – sondern weil ich mich dazu bewusst entscheide.

Ich wähle diese Situation auf Basis meiner Erfahrungen, erlebe sie dadurch intensiver und fühle mich wohl in eben diesem Moment.

Entwicklung und Fortschritt bedeuten für mich nicht nur und nicht immer, nach vorne zu kommen – sondern manchmal einfach nur augenscheinlich stehen zu bleiben und bewusst tiefe Wurzeln zu schlagen.
Es bedeutet manchmal, anzukommen, wo man angefangen hat.
Es bedeutet, das Gleiche zu sehen – mit anderen Augen.
Es bedeutet das Gleiche zu denken – mit anderem, tieferem Wissen.

Letztlich geht es nicht um die Position, in der wir uns wiederfinden. Es geht einzig und allein um uns.
Es geht nicht darum, wo wir sind. Es geht darum, wieso wir eben genau dort sind.
Es geht darum, wer wir sind – und wie sehr wir genau das selbst definieren und bestimmen.

Ich bin froh, in diesem Moment meine „goldene Mitte“ zu kenne, diese definieren zu können. Deshalb:
Kennst du deine goldene Mitte?